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Meine Meinung zu · Berufsorientierung

262.200 junge Menschen in der Warteschleife: Berufsorientierung kommt zu spät

Der Übergangsbereich wächst im vierten Jahr in Folge, während Ausbildungsplätze leer bleiben. Was in der schulischen Berufsorientierung schiefläuft.

Portrait von Leonard Döppeler

Leonard Döppeler

18. September 2026

Illustration: Junger Mensch vor einem Kreisverkehr aus Wegweisern
Illustration: KI-generiert

Wenn man wissen will, ob ein Bildungssystem beim Übergang von der Schule in den Beruf funktioniert, braucht man nur eine Zahl. Nicht die Abiturquote, nicht die Zahl der Ausbildungsverträge, sondern die Zahl derjenigen, die nach der Schule in einem Angebot landen, das weder zu einem Berufsabschluss noch zu einem Studium führt.

Diese Zahl lag 2025 bei 262.200. Sie ist gegenüber dem Vorjahr um 0,7 Prozent gestiegen, und zwar im vierten Jahr in Folge. Das meldet das Statistische Bundesamt im März 2026 aus der integrierten Ausbildungsberichterstattung. Im selben Zeitraum begannen 688.200 junge Menschen eine Ausbildung im dualen System, ein Minus von 1,2 Prozent, und 502.300 ein Studium, ein Plus von 1,6 Prozent. Der Übergangsbereich wächst also, während das duale System schrumpft.

Der Übergangsbereich ist die ehrlichste Statistik, die wir haben

Der Begriff klingt nach Verwaltung, deshalb kurz im Klartext: Dazu zählen Berufsvorbereitungsjahre, Berufsgrundbildungsjahre, Einstiegsqualifizierungen, berufsvorbereitende Maßnahmen der Arbeitsagentur und schulische Angebote, in denen man vor allem eines tut – warten und den Schulabschluss verbessern.

Für einen Teil der jungen Menschen ist das genau richtig. Wer ohne Abschluss die Schule verlässt, braucht ein Angebot. Das Problem ist nicht die Existenz dieses Bereichs, sondern seine Größe und seine Richtung. 61 Prozent der Anfänger sind männlich. Und wer einmal drin ist, verliert im Schnitt ein Jahr, oft mehr – bei gleichzeitig 54.385 unbesetzten Ausbildungsstellen im selben Berichtsjahr.

Die Schule glaubt, sie orientiere. Die Jugendlichen sehen das anders

Der Ausbildungsreport 2022 der DGB-Jugend hatte die Berufsorientierung als Schwerpunkt. Befragt wurden 14.428 Auszubildende. Auf die Aussage „Die Angebote der Berufsorientierung in der allgemeinbildenden Schule haben mir geholfen“ antworteten 72,2 Prozent mit weniger oder gar nicht. 46,8 Prozent sagten: gar nicht.

Die Zahl ist vier Jahre alt, und ich kennzeichne sie ausdrücklich als solche, weil es seitdem keine vergleichbare Erhebung mit dieser Fragestellung gibt. Genau das ist übrigens ein Befund für sich: Wir messen jedes Jahr die Zufriedenheit mit der Ausbildung, aber nicht die Wirkung dessen, was Schulen in der Berufsorientierung tun.

Was wir heute messen können, ist das Ergebnis. Im Ausbildungsreport 2026 mit 13.227 befragten Auszubildenden sind 29,5 Prozent in ihrem Wunschberuf gelandet. 40,3 Prozent sagen, es sei einer von mehreren interessanten Berufen. 21,7 Prozent bezeichnen ihre Ausbildung als ungeplante Alternative, 8,4 Prozent als Notlösung. Die Folgen sind nicht kosmetisch: Im Wunschberuf liegt die Zufriedenheit bei 78,6 Prozent, bei der Notlösung bei 29,0 Prozent.

Ein Pflichtpraktikum in Klasse 9 ist ein Zufallstreffer

Jetzt der Teil, für den ich keine Studie habe, sondern eine Haltung aus vielen Gesprächen. Das Schulpraktikum ist in den meisten Bundesländern das Kernstück der schulischen Berufsorientierung: zwei Wochen, meistens in Klasse 9, häufig dort, wo ein Elternteil arbeitet oder wo noch ein Platz frei war. Wenn es gut läuft, entdeckt jemand einen Beruf. Wenn es schlecht läuft, kopiert jemand zwei Wochen lang Unterlagen und weiß danach, was er nicht will.

Beides ist ein Zufallsergebnis. Aus einem Zufallsergebnis eine Lebensentscheidung abzuleiten, ist der Kern des Problems. Was ich stattdessen für richtig halte: mehrere kurze Einblicke ab Klasse 8 statt eines langen in Klasse 9, und verpflichtende Reflexion danach – nicht als Praktikumsbericht für die Note, sondern als Gespräch über die Frage, was konkret gepasst hat und was nicht. Ein Praktikum ohne Nachbereitung ist eine Erfahrung ohne Erkenntnis.

Korrektur einer beliebten These: Das mit dem Jobben stimmt so nicht mehr

Ich habe selbst lange mit der Zahl argumentiert, dass etwa jede oder jeder Fünfte nach der Schule erst einmal nur jobben will. Sie stammt aus den Ausbildungsperspektiven der Bertelsmann Stiftung. Im Jahrgang 2025 gaben 19 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler an, das auf jeden Fall vorzuhaben, weitere 39 Prozent vielleicht. In der Ausgabe 2026, veröffentlicht im Juli 2026 auf Basis einer Befragung von 747 Schülerinnen und Schülern, sind es noch 6 Prozent fest und 26 Prozent vielleicht.

Zwei Dinge dazu, die man ehrlicherweise sagen muss. Erstens schreibt die Stiftung selbst, dass ein Teil des Rückgangs auf eine enger gefasste Fragestellung zurückgeht und nicht allein auf verändertes Verhalten. Zweitens wurde nie „nur jobben“ erhoben, sondern „erst einmal arbeiten, also ohne Ausbildung und Studium“. Wer die alte Zahl heute noch verwendet, arbeitet mit einem Wert, den die Herausgeberin selbst überholt hat. Ich verwende ihn nicht mehr.

Abitur plus Ausbildung ist unterschätzt

Viele Abiturientinnen und Abiturienten studieren, weil es der vorgezeichnete Weg ist. Dafür habe ich keine Studie, sondern ein Muster aus Gesprächen: Die Frage lautet in vielen Familien nicht „Ausbildung oder Studium“, sondern „welches Studium“.

Dabei zeigen die Arbeitsmarktdaten, dass der Einstieg über Berufserfahrung wichtiger wird. Im Arbeitsmarktbriefing von Stepstone vom Juli 2026 nennen 37 Prozent der Unternehmen einen gestiegenen Bedarf an Berufserfahrung als Grund dafür, weniger Einstiegspositionen auszuschreiben. Eine abgeschlossene Ausbildung ist genau das: drei Jahre Berufserfahrung mit Abschluss, oft mit Übernahme, und mit der Möglichkeit, danach berufsbegleitend oder dual weiterzustudieren. Ich halte den Weg Abitur plus Ausbildung für einen Beschleuniger, nicht für einen Umweg. Das ist eine Meinung, kein Messwert, und ich kennzeichne sie als solche.

Unternehmen gehören in die Klassenzimmer, nicht nur an Messestände

Eine Ausbildungsmesse ist ein Angebot für Familien, die ohnehin schon suchen. Wer nicht hingeht, wird nicht erreicht – und das sind oft genau die Jugendlichen, deren Eltern nicht wissen, wie das System funktioniert. Der Unterschied ist einfach: Auf der Messe steht der Betrieb hinter einem Tisch und wartet. Im Klassenzimmer sitzen alle da, auch die, die sich sonst nichts trauen. Ein Ausbildungsmeister, der eine Doppelstunde lang erklärt, was er den ganzen Tag tut, und einen Azubi mitbringt, der zwei Jahre älter ist als die Klasse, wirkt stärker als jeder Messeauftritt.

Was ich anders sehe

  • Berufsorientierung ist kein Fach, sondern eine Kette. Sie funktioniert nur, wenn Schule, Betrieb und Elternhaus dieselbe Sprache sprechen. Heute macht jeder seinen Teil und niemand den Übergang dazwischen.
  • Der Übergangsbereich wird als soziale Leistung verteidigt, obwohl er oft ein Ausdruck von Planungsversagen ist. Ein Bereich, der im vierten Jahr in Folge wächst, während Ausbildungsplätze leer bleiben, ist kein Auffangnetz mehr, sondern eine Umleitung.
  • Wir messen das Falsche. Schulen berichten, wie viele Maßnahmen sie durchgeführt haben. Niemand misst, ob die Jugendlichen danach wussten, welcher Weg zu ihnen passt.

Was jetzt zu tun ist

  1. Wirkung messen statt Maßnahmen zählen. Eine Frage am Ende von Klasse 10 reicht: Weißt du, welcher Weg zu dir passt, und woher weißt du das?
  2. Ab Klasse 8 mehrere kurze Praxiseinblicke statt eines Zweiwochenblocks in Klasse 9.
  3. Jedes Praktikum nachbereiten – im Gespräch, nicht im Bericht.
  4. Eltern einladen, und zwar zu Terminen, die berufstätige Eltern wahrnehmen können: abends und digital.
  5. Betriebe in den Unterricht holen, mit Azubis, die nah an der Altersgruppe sind.
  6. Den Übergangsbereich als Kennzahl politisch ernst nehmen. Wer über Fachkräftesicherung spricht, muss diese Zahl jedes Jahr auf dem Tisch haben.

Häufige Fragen

Was ist der Übergangsbereich?
Der Übergangsbereich umfasst Bildungsangebote, die weder zu einem anerkannten Berufsabschluss noch zu einem Studienabschluss führen, zum Beispiel Berufsvorbereitungsjahre, Einstiegsqualifizierungen und berufsvorbereitende Maßnahmen. Er dient meist dazu, einen Schulabschluss nachzuholen oder die Ausbildungsreife zu verbessern.
Wie viele junge Menschen sind im Übergangsbereich?
2025 haben 262.200 junge Menschen dort begonnen, 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und damit im vierten Jahr in Folge mehr.
Warum wächst der Übergangsbereich, obwohl Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben?
Weil Angebot und Nachfrage regional, fachlich und bei den Anforderungen auseinanderfallen. Die Plätze existieren, sie passen nur nicht zu denen, die suchen.
Ab wann sollte Berufsorientierung beginnen?
Sinnvoll ist ein Beginn ab Klasse 8, weil die Vorauswahl der Berufe in dieser Zeit fällt. Entscheidend ist weniger der Zeitpunkt als die Wiederholung: mehrere Kontakte über Jahre statt eines einmaligen Angebots.
Bringt ein Schülerpraktikum überhaupt etwas?
Ja, aber nur mit Vorbereitung und Nachbereitung. Ohne ein Gespräch darüber, was gepasst hat und was nicht, bleibt es eine Erfahrung ohne Erkenntnis.

Quellen

  • Statistisches Bundesamt: Integrierte Ausbildungsberichterstattung, Pressemitteilung Nr. 092 vom 19. März 2026, Daten für das Kalenderjahr 2025.
  • DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2022, Schwerpunkt Berufsorientierung, n = 14.428 Auszubildende.
  • DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2026, n = 13.227 Auszubildende, vorgestellt am 20. August 2026.
  • Bertelsmann Stiftung: Ausbildungsperspektiven 2026 (n = 747 Schülerinnen und Schüler) sowie Ausbildungsperspektiven 2025 (n = 774).
  • Bundesinstitut für Berufsbildung: Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2025, Stichtag 30. September 2025.
  • The Stepstone Group: Arbeitsmarktbriefing Berufseinstiegsjobs 2026, veröffentlicht am 24. Juli 2026.