Meine Meinung zu · Ausbildungsmarkt
Der Ausbildungsmarkt hat kein Mengenproblem. Er hat ein Passungsproblem.
84.400 erfolglose Bewerber, 54.385 unbesetzte Stellen: Warum der Ausbildungsmarkt nicht zusammenfindet und was Betriebe konkret ändern können.

Leonard Döppeler
21. September 2026

In der Debatte über den Ausbildungsmarkt gibt es zwei Sätze, die immer gleichzeitig gesagt und nie zusammen gedacht werden. Der erste: „Wir finden keine Azubis.“ Der zweite: „Die jungen Leute finden keinen Platz.“ Beide stimmen. Und genau das ist der Befund.
Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat für das Berichtsjahr 2025, also den Zeitraum vom 1. Oktober 2024 bis zum 30. September 2025, 84.400 erfolglos suchende Bewerberinnen und Bewerber gezählt und gleichzeitig 54.385 unbesetzte Ausbildungsstellen. Wer daraus ableitet, es fehle an Plätzen, hat die Hälfte der Zahlen weggelassen. Wer daraus ableitet, es fehle an Bewerbern, ebenfalls.
Was die Zahl 84.400 wirklich enthält
An dieser Stelle wird es in den meisten Beiträgen unsauber, deshalb einmal genau: Die 84.400 setzen sich zusammen aus 39.868 Bewerberinnen und Bewerbern, die zum Stichtag gänzlich unversorgt waren, und 44.490, die zwar eine Alternative hatten – eine Schule, ein Praktikum, einen Job –, aber weiterhin eine Ausbildung suchten.
Das ist ein Unterschied, der zählt. „84.400 stehen ohne alles da“ wäre falsch. „84.400 wollten eine Ausbildung und haben keine bekommen“ ist richtig. Die zweite Formulierung ist übrigens die unangenehmere, denn sie beschreibt einen Markt, der jungen Menschen etwas verspricht und es dann nicht einlöst.
Der Zwischenstand für das laufende Berichtsjahr zeigt dasselbe Muster. Ende August 2026 meldete die Bundesagentur für Arbeit 451.000 gemeldete Ausbildungsstellen, davon 116.000 noch unbesetzt, und 102.000 noch unversorgte Bewerber. Das Endergebnis kommt erst im Dezember, aber die Schere steht wieder offen.
Passung hat drei Dimensionen – die meisten Betriebe arbeiten nur an einer
Wenn Angebot und Nachfrage nicht zueinanderfinden, obwohl beides vorhanden ist, liegt es an einer von drei Lücken.
- Die regionale Lücke: Der Platz ist da, aber nicht dort, wo die Bewerberin wohnt. Für eine Sechzehnjährige ohne Führerschein sind vierzig Kilometer keine Entfernung, sondern eine Absage.
- Die berufsfachliche Lücke: Der Platz ist da, aber in einem Beruf, den der Bewerber nicht kennt oder nicht will. Zum 1. Oktober 2025 gab es 324 anerkannte Ausbildungsberufe nach Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung, mit dem Schiffsmechaniker 325 – eine Zahl, die seit zehn Jahren stabil ist. Was sich ändert, sind die Inhalte, nicht die Menge.
- Die Anforderungslücke: Der Platz ist da, der Beruf passt, aber Betrieb und Bewerber haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was mitgebracht werden muss.
Der Berufsbildungsbericht 2026 zeigt die regionale Verteilung: In 130 von 148 Arbeitsagenturbezirken, also in 87,8 Prozent, haben die Versorgungsprobleme der Bewerber zugenommen. In 122 Bezirken sind die Besetzungsprobleme der Betriebe gesunken. In 71 Bezirken sind die Passungsprobleme gewachsen. Übersetzt: Es wird für Betriebe leichter, überhaupt jemanden zu finden, und für junge Menschen schwerer, etwas Passendes zu bekommen. Das ist eine Umkehr der Erzählung, die seit Jahren verbreitet wird.
Kleine Betriebe verlieren nicht gegen die Konzerne, sondern gegen die Unsichtbarkeit
39 %
Bei 53 Prozent der Kleinbetriebe blieb mindestens eine Stelle leer. Die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 zeigt die Entwicklung über die Zeit: Bei Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitenden ist der Anteil mit Besetzungsproblemen zwischen 2018 und 2026 von 20 auf 47 Prozent gestiegen.
Ein Hinweis zur Redlichkeit, weil die Zahlen gern verkürzt werden: Gemessen am Anteil betroffener Betriebe liegen Großbetriebe teilweise sogar höher, weil dort schon eine einzige offene Stelle unter vielen als Problem zählt. Der entscheidende Unterschied ist die Wirkung. Ein Betrieb mit zwei Ausbildungsplätzen, der einen nicht besetzt, hat fünfzig Prozent Ausfall. Ein Betrieb mit achtzig Plätzen, der zwei nicht besetzt, hat ein Rundungsproblem.
Ebenso redlich: Für die beliebte Formulierung „kleiner Betrieb auf dem Land“ gibt es keine aktuelle Kennzahl, die beides kombiniert. Das BIBB beschreibt die Stadt-Land-Verteilung ausdrücklich als differenzierter als das Bild von der florierenden Stadt und dem abgehängten Land. Belegt ist die Betriebsgröße, nicht die Ortsgröße.
Die 29,7 Prozent Vertragslösungen belegen die Passungsthese, sie widerlegen sie nicht
Kaum eine Zahl wird so oft falsch verwendet. Im Bezugsjahr 2024 lag die Vertragslösungsquote bei 29,7 Prozent, das entspricht rund 159.000 gelösten Verträgen. 10,3 Prozentpunkte entfallen auf Lösungen innerhalb der Probezeit, 19,4 auf die Zeit danach. Dazu drei Klarstellungen, die in fast jeder Debatte fehlen.
- Erstens ist es eine vertragsbezogene Quote. Wer zweimal löst, zählt zweimal. Eine personenbezogene Quote gibt es für Deutschland nicht.
- Zweitens ist eine Vertragslösung kein Ausbildungsabbruch. Das BIBB formuliert es so, dass etwa die Hälfte aller Personen mit vorzeitiger Vertragslösung relativ zeitnah erneut einen Ausbildungsvertrag im dualen System abschließt. Je nach Studie liegt dieser Anteil zwischen rund 40 und 70 Prozent. Ein Teil dieser Lösungen ist schlicht ein Betriebswechsel.
- Drittens sagt die Zahl etwas über Erwartungen. Der Ausbildungsreport 2026 der DGB-Jugend mit 13.227 befragten Auszubildenden zeigt: Wer im Wunschberuf gelandet ist, ist zu 78,6 Prozent zufrieden. Wer die Ausbildung als Notlösung begonnen hat, nur zu 29,0 Prozent.
Damit ist die Sache eigentlich klar. Wer vorher weiß, was ihn erwartet, bleibt eher. Wer eine Broschürenversion des Berufs gekauft hat, geht. Das ist kein Charakterproblem einer Generation, das ist ein Informationsproblem – und es entsteht Jahre vor dem Vertrag.
Die Ausbildung ist gerade die klügere Wette, als ihr Ruf zulässt
Dazu eine Zahl, die ich bewusst vorsichtig formuliere, weil sie in den meisten Beiträgen übertrieben wird. Das Arbeitsmarktbriefing von Stepstone vom Juli 2026 zeigt, dass Stellenanzeigen für Berufseinsteiger im dritten Quartal 2025 rund 33 Prozent unter dem Mehrjahresschnitt lagen – der tiefste Stand seit Beginn der Messung 2020. Im ersten Halbjahr 2026 ging es wieder um 14 Prozent nach oben, das Niveau liegt aber weiter rund 18 Prozent unter dem langjährigen Schnitt.
Zwei Präzisierungen, die fast immer fehlen. Erstens geht es nicht nur um Akademiker: Stepstone zählt Anzeigen mit Begriffen wie Trainee, Berufseinsteiger, Absolvent und ausdrücklich auch abgeschlossene Ausbildung. Zweitens ist künstliche Intelligenz nicht der Hauptgrund. Nur 17 Prozent der Unternehmen nennen KI und Automatisierung, während 44 Prozent Einsparungen und Budgetkürzungen und 37 Prozent den gestiegenen Bedarf an Berufserfahrung angeben.
Wer also sagt, die KI habe den Berufseinstieg zerstört, verkauft eine Schlagzeile. Was die Daten zeigen, ist ein konjunktureller Einbruch bei Einstiegspositionen mit beginnender Erholung. Für Eltern und Jugendliche bleibt der Punkt trotzdem bestehen: In einem Markt, in dem der Einstieg über Berufserfahrung immer wichtiger wird, ist ein Weg, der mit drei Jahren echter Berufserfahrung endet, kein Rückschritt. Er ist unterschätzt.
Was ich anders sehe
- Der Begriff Fachkräftemangel ist bequem geworden. Er beschreibt einen Zustand, für den niemand verantwortlich ist. Passungsproblem beschreibt eine Aufgabe, für die jemand zuständig ist. Ich halte den zweiten Begriff für den ehrlicheren.
- Wer erst bei der Bewerbung ansetzt, ist Jahre zu spät. Die Vorauswahl der Berufe passiert zwischen Klasse 8 und Klasse 10, und sie passiert in Gesprächen zu Hause.
- Die meisten Betriebe kennen ihre eigenen Zahlen nicht. Ich frage regelmäßig nach Bewerbungen pro Kanal, Reaktionszeit und Absprungpunkt im Prozess. Die Antwort ist fast immer ein Gefühl.
Was jetzt zu tun ist
- Den eigenen Bewerbungstrichter messen: Wie viele Bewerbungen, aus welcher Quelle, wie lange bis zur ersten Antwort, wo springen Menschen ab.
- Die drei Passungslücken einzeln prüfen: Ist es die Entfernung, der Beruf oder die Anforderung? Für jede Lücke gibt es eine andere Maßnahme.
- Erwartungen vorab klären: Vergütung, Schichten, körperliche Belastung, Prüfungsdruck. Wer die unangenehmen Teile vorher sagt, senkt spätere Vertragslösungen.
- Früher sichtbar werden: Praktikumsplätze mit echter Betreuung ab Klasse 8 statt Anzeigen ab Februar.
- Eltern mitnehmen: Sie sitzen in der Entscheidung mit am Tisch, ob es dem Betrieb passt oder nicht.
- Bewerber mit Alternative nicht abschreiben: 44.490 der erfolglos Suchenden hatten eine Alternative und wollten trotzdem eine Ausbildung.
Häufige Fragen
- Wie viele Ausbildungsplätze bleiben in Deutschland unbesetzt?
- Im Berichtsjahr 2025 blieben 54.385 Ausbildungsstellen unbesetzt, 21,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig suchten 84.400 junge Menschen erfolglos einen Ausbildungsplatz.
- Was sind Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt?
- Passungsprobleme liegen vor, wenn unbesetzte Stellen und unversorgte Bewerber gleichzeitig existieren, aber nicht zusammenkommen, weil Region, Beruf oder Anforderungen nicht übereinstimmen. Der Berufsbildungsbericht 2026 weist steigende Passungsprobleme in 71 von 148 Arbeitsagenturbezirken aus.
- Wie hoch ist die Vertragslösungsquote in der Ausbildung?
- Sie lag im Bezugsjahr 2024 bei 29,7 Prozent, das sind rund 159.000 gelöste Verträge. 10,3 Prozentpunkte entfallen auf die Probezeit.
- Ist eine Vertragslösung dasselbe wie ein Ausbildungsabbruch?
- Nein. Die Quote ist vertragsbezogen, nicht personenbezogen. Nach Angaben des BIBB schließt etwa die Hälfte der Betroffenen zeitnah einen neuen Ausbildungsvertrag ab, häufig in einem anderen Betrieb.
- Wie viele anerkannte Ausbildungsberufe gibt es?
- Zum 1. Oktober 2025 gab es 324 anerkannte Ausbildungsberufe nach Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung, zusammen mit dem Beruf Schiffsmechaniker 325. Die Zahl ist seit zehn Jahren weitgehend stabil.
Quellen
- Bundesinstitut für Berufsbildung: Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2025, Stichtag 30. September 2025, veröffentlicht am 10. Dezember 2025.
- Berufsbildungsbericht 2026 der Bundesregierung sowie Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026, Kapitel A5.6, mit Daten des BIBB-Qualifizierungspanels.
- DIHK-Ausbildungsumfrage 2026, Seite 15.
- Statistisches Bundesamt: Integrierte Ausbildungsberichterstattung, Pressemitteilung Nr. 092 vom 19. März 2026.
- DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2026, n = 13.227 Auszubildende, vorgestellt am 20. August 2026.
- The Stepstone Group: Arbeitsmarktbriefing Berufseinstiegsjobs 2026, veröffentlicht am 24. Juli 2026.
- BIBB: Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe 2026, Stand 1. Oktober 2025.
- Bundesagentur für Arbeit: Arbeitsmarkt im August 2026, Zwischenstand Ausbildungsmarkt.
