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Meine Meinung zu · Eltern & Berufswahl

Eltern sind die wichtigste Instanz der Berufsorientierung – und die einzige, die niemand adressiert

91 Prozent der Jugendlichen nennen ihre Eltern als wichtigste Unterstützung bei der Berufswahl. Warum trotzdem kaum ein Angebot sie erreicht.

Portrait von Leonard Döppeler

Leonard Döppeler

2. September 2026

Illustration: Eltern und Jugendlicher im Gespräch am Küchentisch
Illustration: KI-generiert

In der Berufsorientierung gibt es eine klare Rangliste der Einflussgrößen, und sie steht seit Jahren stabil in jeder seriösen Befragung. Ganz oben stehen nicht die Schule, nicht die Berufsberatung und auch nicht das Internet. Ganz oben stehen die Eltern.

Die Ausbildungsperspektiven 2026 der Bertelsmann Stiftung zeigen es in Zahlen. Als wichtige oder sehr wichtige Unterstützung bei der Berufswahl nennen die Schülerinnen und Schüler: Eltern 91 Prozent, Freunde 78 Prozent, Schule und Lehrkräfte 76 Prozent, andere Familienmitglieder 70 Prozent, die Berufsberatung der Arbeitsagentur 70 Prozent, Chatbots und KI 37 Prozent. 62 Prozent bezeichnen die Eltern nicht nur als wichtig, sondern als sehr wichtig. Keine andere Instanz kommt in die Nähe dieses Wertes.

Und jetzt die Frage, die mich seit Jahren beschäftigt: Warum richtet sich dann praktisch kein Angebot an sie?

Eltern bestimmen nicht. Sie rahmen.

Bevor jemand den Vorwurf der Helikoptereltern aufmacht, die Gegenzahl: Im Ausbildungsreport 2022 der DGB-Jugend, für den mehr als 14.000 Auszubildende befragt wurden, nennen nur 5,9 Prozent den Wunsch der Eltern oder der Familie als eigenes Kriterium für ihre Berufswahl. An erster Stelle steht das Interesse am Beruf mit 68,8 Prozent.

Diese beiden Befunde widersprechen sich nicht, sie beschreiben zwei verschiedene Dinge. Eltern schreiben ihren Kindern selten vor, was sie werden sollen. Sie bestimmen aber, worüber zu Hause gesprochen wird, welche Berufe überhaupt vorkommen, welcher Weg als normal gilt und welcher als Risiko.

Und genau da liegt das Problem

Die Körber-Stiftung hat 2023 über forsa 1.010 Eltern von 12- bis 18-Jährigen befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 39 Prozent nennen als größte Schwierigkeit, den Überblick zu behalten. Noch aufschlussreicher ist, woher Eltern ihre Informationen holen: 76 Prozent informieren sich hauptsächlich über Gespräche in Familie und Freundeskreis, 64 Prozent über Internetportale, Beratungsangebote in der Schule und außerhalb nutzen jeweils 40 Prozent.

Das heißt im Klartext: Die wichtigste Informationsquelle für die Entscheidung ist der eigene Bekanntenkreis. Wenn dort niemand einen Beruf kennt, kommt dieser Beruf in der Familie nicht vor. Dazu passt ein älterer, selten zitierter Befund aus einer Untersuchung des IAW Tübingen für das BIBB aus dem Jahr 2017: Eltern schätzen ihre Kenntnisse zu Bewerbungsverfahren und zum regionalen Ausbildungsmarkt als recht gut ein, ihre Kenntnisse zu Ausbildungsinhalten und Berufsbildern aber deutlich schlechter. Anders gesagt: Eltern wissen, wie man sich bewirbt. Sie wissen nicht, worauf.

Der Mythos vom Studium um jeden Preis stimmt nicht

In der Branche hält sich hartnäckig die Erzählung, Eltern drängten ihre Kinder ins Studium und werteten die Ausbildung ab. Die Daten geben das so nicht her. In derselben Körber-Befragung wünschen sich 33 Prozent der Eltern eine Ausbildung für ihr Kind, 30 Prozent ein Studium, 20 Prozent ein duales Studium und 11 Prozent wollen die Entscheidung ganz dem Kind überlassen.

Ich habe für diesen Artikel gezielt nach einer belastbaren Erhebung gesucht, die zeigt, dass Eltern die Ausbildung abwerten. Es gibt keine. Wer diese Behauptung aufstellt – und ich habe sie selbst schon benutzt –, arbeitet mit einem Eindruck, nicht mit Daten. Das sollte man dann auch so sagen.

Was Eltern tatsächlich weitergeben, ist der Bildungsweg

35 zu 21

Prozent: So viele Studienberechtigte aus nichtakademischen Elternhäusern beginnen eine Ausbildung – gegenüber Akademikerfamilien (Bildungsbericht 2026).

Der entscheidende Satz des Berichts lautet, dass Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg selbst bei gleichen Leistungen systematisch mit der sozialen Herkunft verknüpft sind. Das ist der eigentliche Befund hinter der freundlichen Rangliste vom Anfang: Der Einfluss der Eltern ist nicht nur groß, er ist ungleich verteilt.

Noch deutlicher wird es bei Familien mit Einwanderungsgeschichte. Im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026 münden Bewerberinnen und Bewerber ohne Migrationshintergrund zu 45 Prozent in eine betriebliche Ausbildung ein, mit Migrationshintergrund zu 34 Prozent, mit Fluchthintergrund zu 30 Prozent. Im Übergangsbereich verbleiben umgekehrt 13, 20 und 23 Prozent. Das BIBB formuliert dazu einen Satz, den man zweimal lesen sollte: Selbst bei gleichen Schulabschlüssen, gleichen Noten, vergleichbaren Präferenzen und vergleichbarer sozialer Herkunft haben Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Migrationshintergrund geringere Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Eine Zahl für diesen Netto-Effekt weist der Bericht nicht aus, deshalb zitiere ich ihn qualitativ.

Die Angebotsseite ist nicht einmal gemessen

Jetzt kommt der Teil, der mich am meisten überrascht hat. Ich wollte belegen, wie viele Ausbildungsbetriebe Eltern gezielt ansprechen – mit Elternabenden, Elternbriefen oder Einladungen zum Tag der offenen Tür. Die DIHK-Ausbildungsumfrage 2026, für die 14.058 Unternehmen befragt wurden, enthält dazu keine Frage. Die Ausgabe 2025 mit fast 15.000 befragten Unternehmen ebenfalls nicht. Die Zahl, die im Netz kursiert, wonach rund 36 Prozent der Betriebe Eltern häufig einbeziehen, steht auf keiner Originalseite. Ich verwende sie nicht.

Was nicht gemessen wird, wird nicht gesteuert. Die wichtigste Einflussgröße in der Berufsorientierung taucht in der größten Unternehmensbefragung zur Ausbildung nicht auf. Das ist keine Nachlässigkeit einer Kammer, das ist ein blinder Fleck der ganzen Branche.

Was ich anders sehe

  • Eltern sind kein Störfaktor, sondern der günstigste Kanal, den es gibt. Wer dreißig Eltern an einem Abend erreicht, erreicht dreißig Familien, in denen über Berufe gesprochen wird.
  • Der Elternabend in seiner heutigen Form ist trotzdem meistens verschenkt. Dienstagnachmittag um 17 Uhr, Aula, Vortrag über das Bildungssystem: Wer im Schichtdienst arbeitet oder kein fließendes Deutsch spricht, kommt nicht.
  • Die Debatte über Helikoptereltern ist eine Ablenkung. Das Problem der meisten Familien ist das Gegenteil: Sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen, und halten sich deshalb heraus.
  • Eine Zahl benutze ich bewusst nicht: Es kursiert, 82 Prozent der Jugendlichen hielten Empfehlungen ihrer Eltern für glaubwürdig. Die Angabe stammt aus einem Beitrag von 2019 ohne Fallzahl und ohne Erhebungszeitraum. Sie passt mir inhaltlich – genau deshalb lasse ich sie weg.

Was jetzt zu tun ist

  1. Betriebe: Eine Seite für Eltern einrichten – keine Imagebroschüre, sondern Antworten auf die zehn Fragen, die Eltern wirklich stellen: Vergütung, Arbeitszeiten, Übernahme, Prüfungen, Ansprechpartner mit Namen und Telefonnummer.
  2. Betriebe: Eltern zum Bewerbungsgespräch nicht ausladen, aber einordnen. Ein kurzer Teil mit Eltern am Ende nimmt Sorgen und verhindert Absagen nach dem Küchentischgespräch.
  3. Schulen: Elternabende dann anbieten, wenn berufstätige Eltern können – abends oder digital, mit Übersetzung, wenn die Schülerschaft es braucht.
  4. Schulen und Kammern: Fremdsprachige Angebote sichtbar machen. 18 Prozent Bekanntheit ist kein Angebotsproblem, sondern ein Kommunikationsproblem.
  5. Politik und Verbände: Elternansprache endlich messen. Eine einzige Frage in der nächsten Ausbildungsumfrage würde reichen.
  6. Alle: Den Möglichkeitsraum erweitern, indem Berufe gezeigt werden, die in der Familie nicht vorkommen.

Häufige Fragen

Wie groß ist der Einfluss der Eltern auf die Berufswahl?
Er ist der größte einzelne Einflussfaktor. 91 Prozent der Schülerinnen und Schüler nennen ihre Eltern als wichtige oder sehr wichtige Unterstützung bei der Berufswahl, mehr als Schule, Freunde oder Berufsberatung.
Entscheiden Eltern also die Berufswahl ihrer Kinder?
Nein. Nur 5,9 Prozent der Auszubildenden geben den Wunsch der Eltern als eigenes Kriterium an. Eltern bestimmen nicht den Beruf, sie bestimmen, welche Berufe und Wege in der Familie überhaupt vorkommen.
Wie können Eltern unterstützen, ohne Druck zu machen?
Indem sie Optionen öffnen statt Empfehlungen aussprechen: gemeinsam Berufe anschauen, die in der Familie nicht vorkommen, Praktika ermöglichen, Fristen im Blick behalten und die Entscheidung dem Kind lassen.
Was können Ausbildungsbetriebe tun, um Eltern zu erreichen?
Eine eigene Seite für Eltern mit konkreten Angaben, Einladungen zu Terminen außerhalb der Arbeitszeit, Ansprechpartner mit Namen und die Bereitschaft, Elternfragen zu beantworten, statt auf die Selbstständigkeit der Bewerber zu verweisen.
Warum wählen Kinder aus nichtakademischen Familien häufiger eine Ausbildung?
Weil Bildungsentscheidungen auch bei gleichen Leistungen systematisch mit der sozialen Herkunft zusammenhängen. Der Bildungsbericht 2026 weist aus, dass Studienberechtigte aus nichtakademischen Elternhäusern zu 35 Prozent eine Ausbildung beginnen, aus Akademikerfamilien zu 21 Prozent.

Quellen

  • Bertelsmann Stiftung: Ausbildungsperspektiven 2026, Befragung 11. März bis 20. April 2026, n = 1.763 Jugendliche und junge Erwachsene, veröffentlicht am 23. Juli 2026.
  • DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2022, Schwerpunkt Berufsorientierung, n = 14.428 Auszubildende.
  • Körber-Stiftung: Eltern im Fokus 2023, Durchführung forsa, n = 1.010 Eltern von 12- bis 18-Jährigen, sowie Eltern im Fokus 2025.
  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2026, veröffentlicht am 15. Juni 2026, Kapitel E1.
  • Bundesinstitut für Berufsbildung: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026, Kapitel A11.3.
  • IAW Tübingen und SOKO für BIBB und BMBF: Aktivierungspotenzial von Eltern in der Berufsorientierung, veröffentlicht am 31. August 2017.
  • DIHK: Ausbildungsumfrage 2026, n = 14.058 Unternehmen, Erhebung 11. bis 29. Mai 2026.