Alle Beiträge

Meine Meinung zu · Generation Z

Gen Z ist nicht faul. Sie hat keine Lust auf eine Blackbox.

60 Prozent der Bewerber bekommen keine Antwort, 86 Prozent der Betriebe glauben, immer abzusagen. Was Generation Z von Ausbildungsbetrieben wirklich erwartet.

Portrait von Leonard Döppeler

Leonard Döppeler

14. September 2026

Illustration: Nachrichten verschwinden in einer schwarzen Box, während ein junger Mensch wartet
Illustration: KI-generiert

Es gibt ein Zahlenpaar, das die gesamte Debatte über die Arbeitsmoral junger Menschen in zwei Sätzen beendet.

60 Prozent der jungen Bewerbenden geben an, schon einmal gar keine Antwort auf eine Bewerbung um einen Ausbildungs- oder dualen Studienplatz bekommen zu haben. Auf der anderen Seite des Tisches sagen 86 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen, dass in ihrem Betrieb jede Bewerbung eine Absage bekommt. Nur 7 Prozent geben zu, dass nicht alle eine Rückmeldung erhalten. Beides steht in derselben Studie, den Azubi-Recruiting Trends 2025 von u-form, für die mehr als 7.000 Menschen befragt wurden.

Was als Faulheit erzählt wird, ist meistens eine Reaktion

Wenn ich Betriebe frage, warum Bewerbungen im Prozess versanden, höre ich Sätze über mangelnde Verbindlichkeit. Die Daten erzählen etwas anderes. Im HR-Monitor von trendence, für den im Juni 2024 1.823 Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13 befragt wurden, geben 29 Prozent an, einen Bewerbungsprozess selbst abgebrochen zu haben. Die Gründe stehen gleich dabei: zu späte Rückmeldung 24 Prozent, gar keine Rückmeldung auf die Unterlagen 23 Prozent, keine Antwort auf E-Mails oder Fragen 21 Prozent. Fast die Hälfte, 48,7 Prozent, erwartet eine Eingangsbestätigung innerhalb von ein bis drei Tagen.

Das ist keine Generationenfrage, das ist eine Erwartungsfrage. Wer bei einer Bestellung binnen Minuten eine Bestätigung bekommt, hält zwei Wochen Funkstille für ein Nein – und hat damit meistens recht. Im allgemeinen Arbeitsmarkt zeigt sich dasselbe Bild: Nach einer Befragung von softgarden unter 5.177 Bewerbenden erwarten 75,6 Prozent eine Einladung zum Gespräch binnen zwei Wochen; 77,3 Prozent nennen ausbleibende oder unverständliche Antworten als Ausschlusskriterium.

Dazu kommt die Technik davor. Eine repräsentative Befragung von Appinio für Indeed unter 1.000 Beschäftigten, erhoben im März 2026, nennt als größte Hürde den zeitlichen und bürokratischen Aufwand, etwa komplizierte Formulare: 41,5 Prozent. 31,1 Prozent würden ohne Zögern eine Bewerbung abschicken, wenn sie nachweislich nur wenige Minuten dauert. 17 Prozent bewerben sich aus Angst vor Stress und Frust gar nicht mehr.

Für den Ausbildungsbereich berichten die Azubi-Recruiting Trends 2025, dass nur 54,3 Prozent der Ausbildungsbetriebe eine Bewerbung ohne vorherige Registrierung erlauben und nur 62,4 Prozent einen mobil nutzbaren Prozess anbieten. Und, das ist die Zahl, an der sich alles entscheidet: 35 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen haben ihren eigenen Bewerbungsprozess noch nie selbst durchgespielt. Diese drei Werte sind nur über Fachmedien belegt, weil die Studie kostenpflichtig ist – ich behandle sie als Hinweis, nicht als Beweis. Der Alltagstest ist ohnehin aussagekräftiger: Füllen Sie Ihr eigenes Bewerbungsformular einmal auf dem Handy aus.

Die Blackbox beginnt in der Stellenanzeige

78,6 zu 29,0

Prozent Zufriedenheit: im Wunschberuf gegenüber einer Ausbildung, die als Notlösung begonnen wurde (Ausbildungsreport 2026, n = 13.227).

Zwischen diesen beiden Werten liegen fast fünfzig Prozentpunkte, und sie werden nicht im Betrieb entschieden, sondern vorher, beim Informieren. Ein Jugendlicher, der vorher weiß, dass die Schicht um sechs Uhr beginnt, dass der erste Sommer anstrengend wird und dass man in diesem Beruf viel steht, kann sich bewusst dafür entscheiden. Ein Jugendlicher, der eine Broschüre gelesen hat, in der alle lächeln, entscheidet sich für etwas, das es nicht gibt.

Deshalb gehören in jede Ausbildungsanzeige vier Dinge, die die meisten weglassen: die Vergütung in Euro, die tatsächlichen Arbeitszeiten, der Ablauf der Bewerbung mit Zeitangaben und mindestens ein echter Auszubildender, der etwas sagt, das nicht durch die Marketingabteilung geglättet wurde. Stockfotos von lachenden Menschen vor weißen Wänden erkennt jeder Sechzehnjährige in einer Sekunde.

Ehrlich bleiben: Die Jugendlichen ghosten auch

Wer nur eine Seite kritisiert, macht Stimmung statt Analyse. Also auch diese Zahl: Nach den Azubi-Recruiting Trends 2024 geben 15 Prozent der befragten Schülerinnen, Schüler und Auszubildenden zu, ein Unternehmen im Bewerbungsprozess geghostet zu haben, 3 Prozent nach der Vertragsunterzeichnung. Auf Betriebsseite berichten 60 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen von Ghosting durch Bewerber.

Das ist ein echtes Problem, und es ärgert Ausbilder zu Recht. Nur ist die Reihenfolge wichtig: Ein Prozess, in dem 60 Prozent der jungen Leute schon einmal ohne Antwort geblieben sind, erzieht zu genau diesem Verhalten. Wie eindeutig die Reihenfolge ist, zeigt das Career Barometer von JobTeaser: 74 Prozent der jungen Befragten wurden schon einmal von Personalverantwortlichen ignoriert, nachdem der Prozess begonnen hatte – und 52 Prozent der Personalverantwortlichen geben zu, selbst schon Kandidaten geghostet zu haben. Wer Verbindlichkeit einfordert, muss sie vorleben, und zwar zuerst.

Die Zufriedenheit ist auf dem niedrigsten je gemessenen Stand

Der Ausbildungsreport 2026 der DGB-Jugend, erhoben von Mai 2025 bis April 2026, weist 65,7 Prozent zufriedene oder sehr zufriedene Auszubildende aus. Das sind 5,9 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und laut Report der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung. Die Details erklären, warum:

  • 35,4 Prozent machen regelmäßig Überstunden, im Schnitt rund 3,2 Stunden pro Woche.
  • Bei minderjährigen Auszubildenden sind es 30,3 Prozent, im Vorjahr 26,8 Prozent. 5,4 Prozent der Minderjährigen arbeiten mehr als 40 Stunden pro Woche – das Jugendarbeitsschutzgesetz begrenzt die Arbeitszeit grundsätzlich auf acht Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich.
  • 8,4 Prozent bekommen für Überstunden keinen Ausgleich, weitere 17,9 Prozent wissen nicht, ob sie einen bekommen.
  • 16,3 Prozent müssen immer oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen.
  • 19,6 Prozent denken immer oder häufig daran, die Ausbildung abzubrechen.

Wer diese Zahlen liest und danach über die Arbeitsmoral der Jugend spricht, hat sie nicht gelesen.

TikTok ist kein Kanal, sondern eine Ausrede

Sobald es um die Ansprache geht, landet jede Diskussion bei TikTok. Die JIM-Studie 2025, erhoben im Sommer 2025 bei 1.200 Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren, ordnet das ein: Regelmäßig genutzt werden WhatsApp von 96 Prozent, Instagram von 63 Prozent, Snapchat von 56 Prozent und TikTok von 53 Prozent. Fragt man nach den wichtigsten Apps, nennen 84 Prozent WhatsApp, 33 Prozent Instagram, 24 Prozent Snapchat und 23 Prozent TikTok.

Wichtig für alle, die diese Zahl weitergeben: Die 23 Prozent für TikTok sind keine tägliche Nutzung, sondern die Nennung als wichtigste App. Die praktische Folge ist unbequem: Der wichtigste Kanal zu Jugendlichen ist ein Messenger, kein Videoportal. Wer in der Ausbildungsansprache etwas verbessern will, fängt nicht bei einem TikTok-Kanal an, sondern bei der Frage, ob man ihm überhaupt schreiben kann und wie schnell jemand antwortet.

Was ich anders sehe

  • Das Anschreiben gehört abgeschafft. In der Untersuchung „KI trifft Recruiting 2026“ von softgarden geben 43,2 Prozent der knapp 7.000 Befragten an, KI beim Verfassen des Anschreibens zu nutzen – mehr als dreimal so viele wie im Frühjahr 2023. Der Betrieb liest dann eine Maschine gegen die andere. Besser sind drei echte Fragen: Was hat dir am Praktikum gefallen und was nicht? Was machst du, wenn du etwas nicht verstehst? Wen kennst du, der diesen Beruf macht?
  • Die 48-Stunden-Regel ist meine Faustregel, keine Studie. Belegt ist nur, dass fast die Hälfte der Jugendlichen eine Bestätigung binnen ein bis drei Tagen erwartet.
  • Benefits lösen kein Passungsproblem. Obstkorb und Teamevents beeinflussen die Zufriedenheit deutlich weniger als die Frage, ob jemand im richtigen Beruf gelandet ist.

Was jetzt zu tun ist

  1. Rückmeldung automatisieren: Eingangsbestätigung sofort, Zwischenstand nach spätestens einer Woche, Entscheidung binnen zwei Wochen.
  2. Den eigenen Prozess selbst durchlaufen – auf dem Handy, ohne Zugang zum internen System. Alles, was länger als fünf Minuten dauert, kostet Bewerbungen.
  3. Absagen wirklich verschicken und einmal im Quartal stichprobenartig prüfen, ob es passiert ist.
  4. Die unangenehmen Fakten in die Anzeige schreiben: Schichtbeginn, Prüfungsdruck, körperliche Arbeit.
  5. Überstunden bei Minderjährigen prüfen – nicht aus Imagegründen, sondern weil das Gesetz es verlangt.
  6. Erreichbarkeit über den Kanal anbieten, den Jugendliche nutzen, und dort auch antworten.

Häufige Fragen

Ist die Generation Z faul?
Die Daten geben das nicht her. 29 Prozent der Jugendlichen brechen Bewerbungsprozesse ab, und die häufigsten Gründe sind ausbleibende oder verspätete Rückmeldungen der Unternehmen. Gleichzeitig liegt die Zufriedenheit mit der Ausbildung auf dem niedrigsten je gemessenen Stand, was eher auf Bedingungen als auf Haltung hindeutet.
Was erwartet die Generation Z von einem Ausbildungsbetrieb?
Vor allem Transparenz: nachvollziehbare Angaben zu Vergütung und Arbeitszeiten, ein klarer Bewerbungsablauf, schnelle Rückmeldungen und ehrliche Einblicke in den Berufsalltag.
Wie schnell sollte ein Betrieb auf eine Bewerbung reagieren?
48,7 Prozent der Jugendlichen erwarten eine Eingangsbestätigung innerhalb von ein bis drei Tagen. Als Praxisregel hat sich bewährt, binnen 48 Stunden zu bestätigen und binnen zwei Wochen zu entscheiden.
Welche Plattformen nutzen Jugendliche wirklich?
Nach der JIM-Studie 2025 nutzen 96 Prozent regelmäßig WhatsApp, 63 Prozent Instagram, 56 Prozent Snapchat und 53 Prozent TikTok. Als wichtigste App nennen 84 Prozent WhatsApp.
Warum brechen Auszubildende ihre Ausbildung ab?
Ein zentraler Faktor ist die Passung. Im Wunschberuf sind 78,6 Prozent zufrieden, bei einer Ausbildung als Notlösung nur 29,0 Prozent. Dazu kommen Belastungen wie regelmäßige Überstunden und ausbildungsfremde Tätigkeiten.

Quellen

  • u-form Testsysteme: Azubi-Recruiting Trends 2025, n über 7.000, veröffentlicht am 17. Juni 2025. Einzelne Angaben nur über Fachmedien belegt.
  • u-form Testsysteme: Azubi-Recruiting Trends 2024 sowie 2017 für den Vergleichswert zum fehlenden Feedback.
  • trendence HR-Monitor, n = 1.823 Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 13, Erhebung Juni 2024.
  • JobTeaser: Career Barometer 2024, Durchführung Kantar, Deutschland n = 1.220 junge Befragte und 726 Personalverantwortliche.
  • Indeed und Appinio: Befragung von 1.000 Beschäftigten, Erhebung 9. bis 11. März 2026.
  • softgarden: Digitaler Bewerbungsprozess 2024, n = 5.177, sowie KI trifft Recruiting 2026, knapp 7.000 Bewerbende.
  • DGB-Jugend: Ausbildungsreport 2026, n = 13.227 Auszubildende.
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2025, n = 1.200, veröffentlicht am 14. November 2025.
  • Jugendarbeitsschutzgesetz, § 8 zur Arbeitszeit Jugendlicher.